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I n t e r p r e t a t i o n
Himmelsscheibe von Nebra doch als Sternenkarte deutbar
© Wolfgang(a)Kampfmeier.de
2004
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Problembeschreibung
Die bislang gängigen Interpretationen der Himmelsscheibe von Nebra führen zu keiner durchgreifenden Erklärung des Fundstückes.
Insbesondere wird davon ausgegangen, dass die Himmelsscheibe keine Sternenkarte im Sinne einer realistischen Abbildung des Sternenhimmels ist.
Grund dafür ist die Identifikation des auf der Himmelsscheibe abgebildeten siebenteiligen Sternhaufens mit den Plejaden als "Siebengestirn".
So kann den übrigen Punkten auf der Himmelsscheibe, die Sterne darstellen, kein Gegenüber in der Wirklichkeit zu geordnet werden.
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Neuinterpretation
Wird nun aber diese Identifikation mit den Plejaden aufgegeben, dann eröffnet sich eine sehr interessante andere Deutungsmöglichkeit.
Diese sieben, eng beieinander liegenden Sterne auf der Himmelscheibe könnten die Darstellung des Polarsterns sein, der ohnehin der Leitstern ist, um sich am nächtlichen Himmel zu orientieren.
Mithin würde die siebenteilige Darstellung im Zentrum den Polarstern zeigen.
Der auffällige Kranz aus sechs weiteren Punkten wäre eine Hervorhebung - ähnlich wie heutzutage ein dicker roter Punkt auf einer Info-Stadtkarte den Blick des Betrachters auf sich ziehen soll, um den Standort des Betrachters anzuzeigen.
Somit ließe sich die Himmelsscheibe von Nebra als Darstellung des kompletten Sternenhimmels interpretieren, wie er an einem bestimmten Tag des Jahres nach Sonnenuntergang beim Erscheinen der ersten sichtbaren Sterne tatsächlich zu sehen gewesen ist.
Als dieser bestimmte Tag um 1600 vor Christus wäre die Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche ein guter Kandidat.
Dieser Zeitpunkt im Jahr, wenn der Tag wieder genau so lang ist wie die Nacht, mithin der Winter nun dem Sommer Platz machen muss, mag damals für die Menschen von besonderer Bedeutung gewesen sein, weshalb sich die Darstellung auf der Himmelsscheibe darauf bezieht.
Lässt man sich nun von einem gängigen Computerprogramm zur Darstellung des sichtbaren Himmels den Sternenhimmel zur Tag-und-Nacht-Gleiche am 21. März 1600 vor Christus um 19.10 Uhr (Standort Leipzig) anzeigen, dann stehen die hellsten Sterne am wirklichen Himmel (heute weitgehend Leitsterne der gängigen Tierkreiszeichen) genau (fast genau) dort, wo die entsprechenden Sternenpunkte auf der Himmelsscheibe von Nebra zu sehen sind.
Eine nebeneinander gestellte Abbildung der Himmelsscheibe von Nebra mit einer heutigen Sternenkarte auf Computerbasis macht diese weitgehende Übereinstimmung augenfällig.
Nebra-Himmelsscheibe:
Sternenkarte (erstellt mit EasySky):
In beiden Abbildungen ist die gleiche Linie mit nummerierten Sternen zur Orientierung eingezeichnet:
- Die Lage der Sterne stimmt,
- die ungefähren Abstände untereinander stimmen,
- die Winkel passen qualitativ gut,
- die als Hilfskurve eingezeichnete (willkürliche Verbindungslinie) nimmt in beiden Fällen einen verblüffend ähnlichen Verlauf.
Dadurch wird die Himmelsscheibe von Nebra zu einer recht akkuraten Darstellung des Sternenhimmels.
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Namen-Zuordnung
Die Himmelscheibe von Nebra kartiert also die wirklich gut sichtbaren Sterne am Nachthimmel (meist Alpha-Sterne, also die hellsteten Stern heutiger Sternbilder).
Mit Hilfe der Nebra-Scheibe (gegen den Nachhimmel gehalten) lassen sich folgende Sterne lokalisieren (Teil-Rekonstruktion):
| 1. |
Polaris |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Kleiner Bär |
| 2. |
Schedir |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Kassiopeia |
| 3. |
Alamak |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Andromeda |
| 4. |
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= |
Plejaden |
| 5. |
Capella |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Fuhrmann |
| 6. |
- |
= |
Stern des heutigen Sternbildes Luchs |
| 7. |
Castor |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Zwilling |
| 8. |
Aldebaran |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Stier |
| 9. |
Beteigeuze |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Orion |
| 10. |
- |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Hund |
| 11. |
Regulus |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Löwe |
| 12. |
- |
= |
Stern des heutigen Sternbildes Becher |
| 13. |
- |
= |
Gerade noch sichtbarer Stern des heutigen Sternbildes Zentaur |
| 14. |
Spica |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Jungfrau |
| 15. |
- |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Waage (auf Scheibe später versetzt) |
| 16. |
Arcturus |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Bärenhüter |
| 17. |
Gemma |
= |
Alpha-Stern des heutigen Sternbildes Nördliche Krone |
| 18. |
- |
= |
Stern des heutigen Sternbildes Herkules |
| 19. |
Benetnash |
= |
Eta-Stern des heutigen Sternbildes Großer Bär (Rest vom Sternbild überdeckt)
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| 20. |
- |
= |
Stern des heutigen Sternbildes Drache |
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Symbol-Erläuterungen
Vor einer Sternkarte als Hintergrund sind auf der Himmelsscheibe von Nebra weitere Symbole angeordnet, die hier kurz angesprochen werden sollen, ohne sie durchgreifend erklären zu wollen:
| 1. |
Die beiden Horizontbögen an zwei gegenüber liegenden Rändern der Scheibe, die die West-Ost-Achse markieren:
Weil diese Bögen später aufgebracht wurden, sind dadurch am rechten Rand der Scheibe zwei Sterne verdeckt worden.
Gegenüber wurde deswegen ein Stern (Nr. 15) nachträglich versetzt, weil er knapp über dem Horizont zu deutlich sichtbar war, um ihn nicht unter den Tisch fallen zu lassen.
Diese Bögen verjüngen sich etwas zu den Enden hin.
Sie könnten nämlich den Unterschied zwischen astronomischem Horizont und dem tatsächlichen, aber etwas kleineren Betrachter-Horizont markieren.
Dieser Betrachter-Horizont hat einen ähnlichen Verlauf wie die Bögen auf der Himmelsscheibe.
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| 2. |
Eine Kreisfläche ziemlich in Scheibenmitte (wird hier nicht interpretiert):
Durch die Fläche wird ein Teil der darunter liegenden Sternenkarte verdeckt, was einer realistischen Darstellung gut zu Gesicht steht.
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| 3. |
Eine Sichel rechts neben der Kreisfläche zum rechten Scheibenrand hin:
Die Sichel verdeckt keine wichtigen hellen Sterne am Nachthimmel und stört nicht weiter im Zusammenhang mit der dahinter liegenden Sternenkarte.
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| 4. |
Der schmale Kreisbogen am unteren Scheibenrand:
Der wird als Barke (Schiff) gedeutet.
Heute liegen dort unter anderem die Sternbilder Segel, Schiffsheck und Schiffskompass (was freilich Zufall sein könnte).
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| 5. |
Die Stellung der siebenteiligen Sternenansammlung als Polarstern mit optischer Hervorhebung gedeutet:
Bezogen auf den Mittelpunkt der Himmelsscheibe (entspricht dem Zenit des Nachthimmels) erscheint der Polarstern um etwa 25 Grad nach rechts aus der Nord-Süd-Achse herausgedreht.
Genau dieser Winkel stellt sich bei der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche beim Sichtbarwerden der ersten Sterne um 19.10 Uhr um das Jahr 1600 vor Christus ein.
Dieser Winkel verändert sich über Jahrhunderte durch die allmähliche Verschiebung der Sternbilder (Präzession) als auch im Verlaufe der Nacht.
Sollte die Sichel (Nr. 3) eine noch dünne zunehmende Mondesichel sein, die gerade über den Horizont gestiegen ist, dann handelt es sich um den Beginn der Nacht kurz nach Sonnenuntergang.
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Fazit
Konsequenz aus obiger Neuinterpretation ist allerdings auch, dass die Ausstellung "Der geschmiedete Himmel" im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Eröffnung am 15. Oktober 2004) der Öffentlichkeit eine Interpretation darbietet, die wohl eher nicht korrekt sein dürfte.
Erstmals veröffentlicht wurde diese Neuinterpretation in der Papierausgabe der Frankfurter Rundschau am 26. Oktober 2004 auf Seite 23 als Aufmacher im Wissenschaftsteil. Zur Veröffentlichung angeboten wurde das Material mehreren namhaften Zeitungen am 15. Oktober 2004.
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© Wolfgang(a)Kampfmeier.de
Seite online seit 17. November 2004 | Letzte Aktualisierung am 20. November 2004
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